Bibliophilis 
< Barbara Wendelken: Eine Frühstücksfee für Julia | Jean Webster: Daddy Langbein >

Dienstag, 29. August 2006

Anthony Horowitz: Das Gemini-Projekt

Das Gemini-ProjektDen Luxus, ein wirklich schlechtes Buch zu lesen, hatte ich lange nicht mehr, aber diesem hier gebührt die Ehre. An so schlechte Bücher kommt man nur über die Bücherei - ich hätte es mir nie gekauft, und auch keiner meiner Freunde. Aber wenn es mir in der Bücherei in die Finger fällt, dann kann ich es mir unbesorgt ausleihen, ich muß es ohnehin zurückgeben, qualitätsunabhängig. Das einizge, worüber man sich hinterher vielleicht ärgern muß, ist verschwendete Zeit. Das Gemini-Projekt ist da so auf der Grenze - zwischen »So schlecht, daß man es nicht lesen mag« und »So schlecht, daß es fast schon wieder Spaß macht«. Die Lektüre ist über weite Teile Quälerei, inhaltlich zum einen sowieso, sprachlich durch die Übersetzung unterster Kajüte noch dazu. Aber für Leute, die nur glücklich sind, wenn sie sich über etwas aufregen können, ist dieses Buch sicher etwas, vor allem für die Fünfzehnjährigen dieser Gruppe, die noch zu jung sind für die Bücher von Anne Rice.

Der Anfang des Buches ist bezeichnend für den vorherrschenden Mangel an Logik. Der schwerreiche EDV-Mensch verläßt die gepanzerte Limousine, schreitet durch die kameraüberwachte Lobby, ruft per Fingerabdruck den Hochsicherheitsaufzug und läßt sich so hermetisch abgesichert in seine Geschäftsräume katapultieren - wo er freundlich die Sekretärin begrüßt. Und der mitdenkende Leser fragt sich: Wie ist sie da hochgekommen? Entweder die Angestellten leben als Sklaven in den oberen Etagen des Wolkenkratzers und dürfen niemals ihre Ebene verlassen - oder es gibt eben doch eine Treppe oder einen zweiten Aufzug für Normalsterbliche. Womit dann der abgeschottete Hochsicherheitsaufzug gar keinen Sinn mehr macht. Mithilfe dieses Aufzugs kommt der reiche Mann dann auch prompt ums Leben, und spätestens da hätte ich mit der Lektüre aufhören sollen.

Aber ich hatte in den vergangenen Jahren zu viele Bücher beiseite gelegt und war nun gewillt, alles bis zum bitteren Ende zu lesen, egal wie bitter. Und so komme ich nicht um den jugendlichen Helden herum, Alex Rider. Der ist ein vierzehnjähriger Geheimagent für MI6. Natürlich. Was auch sonst. Er ist natürlich nur im Geheimen ein Geheimagent, offiziell ein ganz normaler Teenager, der natürlich nicht raucht und - anders als der Rest seiner ganzen Schule - keine Drogen nimmt, sondern lieber den bösen Dealer auffliegen läßt, nicht indem er die direkt neben dem Drogenboot gelegene Polizeiwache aufsucht, sondern indem er einen riesigen Baukran kapert, um das Boot aus dem Wasser zu heben und direkt auf dem Polizeiparkplatz abzusetzen. Natürlich. Was auch sonst. Wir haben unseren Lesern doch Action versprochen!

Und ähnlich sinnlos, konstruiert und unmotiviert sind alle anderen Actionsequenzen des Gemini-Projekts. Zunehmend denke ich an die Handlungen von Rollenspielfiguren, deren Spieler es immer wieder schaffen, die naheliegendsten Lösungen zu ignorieren oder zu übersehen, weil sie nach einer Gelegenheit gieren, ihre mächtigen Zauber oder ihre Hightechausrüstung einzusetzen, die sie sonst nie brauchen würden. Wobei wahrscheinlich jeder Spielleiter seinen Spielern das Konzept »unbescholtener Jugendlicher erbt Geheimdienststellung vom verstorbenen Onkel« im Vorfeld um die Ohren gehauen und nicht zugelassen hätte. So, wie es auch jeder mitdenkende Lektor mit dem angeblich preisgekrönten Mr Horowitz hätte tun müssen. Aber tatsächlich ist das Gemini-Projekt schon der zweite Band um die Abenteuer des streng geheimen Alex. Ich sehe keine Veranlassung, auch noch den ersten Band zu lesen.

Alex wird undercover in ein Eliteinternat eingeschleust, das sich laut Klappentext in den schweizer Alpen befindet, tatsächlich aber im fanzösischen Grenoble liegt. Dort soll er - was auch sonst - seltsame Entwicklungen untersuchen und herausfinden, warum sich die angeblich schwersterziehbaren Söhne (einfluß)-reicher Familien plötzlich, statt zu wertvollen Gesellschaftsmitgliedern geschliffen zu werden, wie gesichtslose Zombies aufführen. Und natürlich, warum einige der (einfluß)-reichen Väter unter merkwürdigen Umständen das Zeitliche gesegnet haben - der manipulierte Aufzug, wir erinnern uns.

Dabei stellt sich Alex, trotz faszinierendster Ausrüstung - darunter ein schießendes Harry-Potter-Buch und ein Discman, der sich zur Kreissäge umfunktionieren läßt - erwartungsgemäß plump und dämlich an, läßt sich mit KO-Tropfen außer Gefecht setzen, bevor es überhaupt losgegangen ist, daß man fast schon den Schurken den Sieg wünschen würde.

Um dies zu verhindern, läßt der Autor alle Bösen auch wirklich plakativ böse auftreten - sie sind alle verkappte Nazis und trauern der südafrikanischen Apartheit nach. Der schmierige Dealer mit den verfaulten Zahnstümpfen fährt Skoda, während die Reichen selbstverständlich Mercedes fahren - warum an Markenklischees geizen, wenn auch sonst keine ausgelassen werden? Und dennoch ist der einzige Lichtblick dieses Machwerks der Plan des Schurken, wie er nun die Weltherrschaft übernehmen will: Das hat Pep und Witz und macht fast Sinn und kommt dem sehr nahe, was die schurkischen Gegenspieler konventioneller Superhelden (in Film, Comic, Zeichentrick oder Rollenspiel) sonst schon mal vorhaben. Nur für ein Buch ist es nicht wirklich geeignet. Horowitz hätte sich vielleicht fragen sollen, warum es so wenig Superheldenromane gibt. Nicht, weil noch niemand vor ihm auf die Idee gekommen ist - sondern weil einfach nichts gutes dabei rumkommt.

Das dramatische Showdown in den französischen Schweizer Alpen erreicht dann auch in seiner Bodenlosigkeit den Kampf auf der Seilbahn in Agenten sterben einsam, und der Versuch des Autors, ein spannungsgeladenes offenes Ende zu produzieren, hinterläßt beim Leser die Hoffnung, daß vielleicht Alex doch tot ist und durch einen Klon ersetzt werden konnte - doch ich werde mir keine Fortsetzung antun, um das herauszufinden.

Berührt hat mir an diesem Buch eine einzige Szene, in der man Alex erklärt, daß die Jungen in der Anstalt nicht mit ihren Eltern telefonieren dürfen, damit sie kein Heimweh bekommen. Ach, das klingt nach traurigen Erfahrungen. Der einzig realistische Moment der Geschichte. Vielleicht war auch Horowitz als Kind einmal zur Kur. Vielleicht saß er auch auf seinem Zimmer und heulte sich die Augen aus, weil die Eltern nicht mal am zehnten Geburtstag angerufen hatten - während derweil die Eltern wutschnaubend von der Heimleiterin hören mußten, warum man sich weigerte, das Kind ans Telefon zu lassen...

Aber wie diese traurige Annekdote aus meiner Kindheit ist Das Gemini-Projekt (Englischer Originaltitel: Point Blanc) eine Erfahrung, auf die ich lieber verzichtet hätte. Und so kann ich jedem nur allerwärmstens von der Lektüre dieses Buches abraten.


Dieses Buch trotzdem über Amazon bestellen:Gemini-Projekt
Geschrieben von Buchmensch in Jugendbuch um 23:22 | Kommentar (1) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Geheimdienst, Internat, Organisiertes Verbrechen, Schund
Artikel mit ähnlichen Themen:
  • Alan Bradley: Mord im Gurkenbeet
  • Margery Allingham: Ein böser Nachbar
  • Maurice Sandoz: Das Labyrinth
  • Joan Aiken: Schattengäste
  • Barbara Michaels: Haus der Wiederkehr

Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag

Keine Trackbacks

Kommentare
Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)

DevilsDandyDogHorowitz...er kam mir gleich bekannt vor, dieser Name. Offenbar hatte ich ihn nicht gut genug verdrängt - dabei habe ich das Buch von ihm, dass ich besitze, in die zweite Reihe im Bücherregal verbannt. Und wegen dieses Buches habe ich um Alex einen großen Bogen gemacht - wie mir deine Rezension zweigt, völlig zu Recht :-). Aber wenn du noch ein schlechtes Buch lesen willst, kann ich dir “Die fünf Tore” von ihm empfehlen. Das fängt täuschenderweise sehr schön an und scheint einen sehr interessanten Protagonisten zu haben, einen schwererziehbaren Jungen, der im Zuge einer pädagogischen Maßnahme aufs Land verschickt wird. Und sobald er da ankommt, fängt die “Action” an, die mich dann auch an ein schlechtes Rollenspielabenteuer denken ließ. Von dem tollen Helden war ab dem Zeitpunkt dann auch nichts mehr übrig.
Aber ich meine mich zu erinnern, dass die Alex-Romane zu denen gezählt werden, die die nicht-lesenden Jungs wohl tatsächlich wieder zum Lesen bewegen, weil da endlich nochmal ein Junge der Held ist und nicht ein Super-Mädchen (und auch keine Mädchen-Clique)...das ist wirklich traurig.
Aber wenn du einen Internatsroman mit einem abgründigen jugendlichen Antihelden lesen willst, lies “Das Wunschspiel” von Patrick Redmond.Das ist wirklich klasse, wenn auch für “erwachsene” Leser.
#1 DevilsDandyDog (Homepage) am 21.09.2006 11:38 (Antwort)

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Pavatar, Gravatar, Identicon/Ycon Autoren-Bilder werden unterstützt.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
 
 

Inventar

  • Startseite
  • F.A.Q.
  • Über diese Seite
  • Angebot für Autoren
  • Impressum

Indizes

  • Autoren
  • Titel
  • Erscheinungsjahr
  • Cover
  • Chronologie

Kategorien

  • Belletristik
  • Fantasy
  • Krimi
  • Mystery
  • Weltliteratur
  • Grusel
  • Jugendbuch
  • Mädchenbuch
  • Kinderbuch
  • Sachbuch
  • Biographie

Alle Kategorien

Aktuelle Beiträge

"Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben"
"Catherynne M. Valente: The Girl Who Circumnavigated Fairyland in a Ship of Her Own Making"
"Mara Purnhagen: One Hundred Candles"
"Douglas Clegg: Isis"
"John Stephens: The Emerald Atlas"
"James Dashner: The Maze Runner"
"R.J. Anderson: Knife"
"Mara Purnhagen: Past Midnight"
"Carlos Ruiz Zafón: Der dunkle Wächter"
"Elizabeth Knox: Dreamhunter"

Suche

Archive

  • Das Neueste ...
  • Älteres ...

Blogroll

  • Buchjunkies
  • BuchStaben
  • Cinema in my Head
  • Daydreaming and Dreaming
  • Ms. Yingling Reads
´

Blog abonnieren

  • XML RSS 2.0 feed
  • ATOM/XML ATOM 1.0 feed
  • XML OPML 1.0 feed

Statistiken

Letzter Artikel: 27.12.2011 09:37
55 Artikel wurden geschrieben
50 Kommentare wurden abgegeben
2220 Besucher in diesem Monat
79 Besucher heute