Bibliophilis 

Samstag, 28. Oktober 2006

Margery Allingham: Polizei am Grab

Polizei am GrabIn seinem dritten Abenteuer verirrt sich Albert Campion nach Cambridge, und dieses Gefühl der Verirrtheit zieht sich durch das ganze Buch, obwohl man meinen sollte, daß hier jeder, Albert eingeschlossen genau da ist, wo er hingehört. Aber der hat nicht nur sein Faktotum Lugg zuhause gelassen, niemand meldet sich mit einem launigen »Aphrodite Kleisterwerke« am Telefon, niemand klaut Fahrräder oder bricht beiläufig irgendwo ein - nein, Campion steckt mitten im Sumpf der intellektuellen High Society, als gehöre er nirgendwo anders hin. Man kennt ihn. Die alte Hausherrin redet ihn gelegentlich mit Rudolph an, seinem richtigen Vornamen (den Nachnamen erfahren wir auch hier hartnäckig nicht), und er hat keinen Grund, den Schwachsinnigen zu spielen - niemand ist da, um es ihm abzukaufen, hat ihn doch ein alter Studienfreund um Hilfe gebeten. Vieles, eigentlich alles, Albertesque fehlt in diesem Buch, und mit ihm der Witz. Polizei am Grab ist ein intelligenter und gut geschriebener Krimi voller interessanter Persönlichkeiten, aber leider ein Buch, das mit seinen Vorgängern nicht mithalten kann.

Vielleicht liegt es am Setting: Das verknöcherte Cambridge kann nicht mithalten mit dem ländlichen Charme von Gefährliches Landleben und Der Hüter des Kelchs. Vielleicht ist ein einfacher verschwundener Onkel und ein bißchen Mord auch einfach zu wenig für den guten Albert, der seine Freunde und Leser längst an das organisierte Verbrechen und die großen Gangsterbosse gewöhnt hat. Vielleicht gibt es einfach zu wenig haarsträubende Action. Vielleicht wollte aber auch die Autorin ihre Vielseitigkeit beweisen, und zeigen, daß sie mehr kann, als intelligente Schenkelklopfer zu liefern. Und wenn das ihr Ansinnen war, so ist es ihr gelungen.

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Geschrieben von Buchmensch in Krimi um 11:54 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Familiengeheimnis, Landhausmord

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Jean Webster: Lieber Feind

Daddy Langbein / Lieber FeindIn Daddy Langbein hatte Jean Webster bereits einen Teil ihres revolutionär-sozialistischen Gedankenguts zu einem Bestseller verarbeiten können, aber sie hatte noch mehr zu sagen, insbesondere, was die Erziehung und Haltung von Waisenkindern angeht - und wurde 1915, drei Jahre nach dem Erfolgs-Briefroman, die Fortsetzung Lieber Feind veröffentlicht. Wiederum in das Gewand eines Mädchenbuchs und Briefromans gekleidet, setzt die Geschichte ein geschätztes Jahr nach Daddy Langbein ein und stellt Judys beste Collegefreundin Sallie MacBride in den Mittelpunkt. Aber wo das erste Buch neben aller Sozialkritik noch vor Witz sprühte, herrscht hier vor allem ein scharfer Kampfgeist, und alles in allem muß gesagt werden, daß Dear Enemy dem Vorgänger nicht das Wasser reichen kann.

Sallie MacBride, Tochter aus gutem Hause, hat nach dem College nicht viel zu tun, was ihrer hohen Bildung gerecht würde - die Freundschaft mit einem aufstrebenden jungen Politiker genügt ihr nicht - und läßt sich auf eine wagemutige Herausforderung ein: Das John-Grier-Heim, Kinderstätte ihrer nun ebenso glücklich wie reich verheirateten Freundin Judy, nach Fortgang der alten Leiterin (nie wird klar, ob sie nun pensioniert oder entlassen wurde) in eine pädagogisch-liebevolle Mustereinrichtung zu verwandeln. Plötzlich sieht sie ihre hehren Ideale im Konflikt mit der Wirklichkeit: Hundert Waisenkinder, die nicht einmal gelernt haben zu spielen, geschweige denn glücklich zu sein, verknöcherte Angestellte, für die früher sowieso alles besser war, und einem knurrigen schottischen Kinderarzt, dessen Lieblingsthema Erbkrankheiten und Trunksucht sind. Es spricht für das Buch, daß Sallie nicht supernannygleich das heruntergewirtschaftete Haus auf Vordermann bringen will, sondern gleich die Brocken wieder hinschmeißen, aber natürlich bleibt sie, auch wenn Gordon, ihr lieber Politiker, ihr arg zusetzt, daß sie doch zurückkommen soll. Aber Buch ist Buch, und so bleibt Sallie, bringt supernannygleich das Haus auf Vordermann, und entscheidet sich am Ende natürlich gegen den Politiker und für den knurrigen Arzt.

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Geschrieben von Buchmensch in Mädchenbuch um 22:53 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Gesellschaftskritik, Waisenkind

Montag, 9. Oktober 2006

Elizabeth Kim: Weniger als Nichts

Weniger als NichtsWarum psychisch kranke Menschen Bücher schreiben, liegt auf der Hand: Der Prozeß des Schreibens hilft, die Narben in der Seele aufzuarbeiten, sich literarisch von Kindheit, Krankheit und Trauma zu distanzieren, und am Ende steht das befreiende Gefühl, endlich einmal alles losgeworden zu sein. Aber warum muß das verlegt werden? Und warum gelesen? Tatsächlich gibt es einen großen Markt für Leidensberichte. Das können nicht nur andere Betroffene sein, die sich aus diesen Werken Lebenshilfe versprechen und sich sagen »Wenn sie das geschafft hat, kann ich das auch« - so viele Betroffene gibt es dann doch nicht, zum Glück. Den Großteil machen also wohl die Sensationstouristen aus. Leute, die sich plötzlich richtig gut fühlen, wenn sie lesen oder sehen, daß es anderen noch viel viel schlechter gibt.

Während der Lektüre von Weniger als Nichts habe ich mich mehrmals gefragt, warum ich mir das Buch überhaupt ausgeliehen habe, warum ich mir seinen schwerverdaulichen Inhalt antue - Neutrales Interesse? Mitleid? Identifikation? Sensationsgier? Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber ich habe es gelesen, und gelitten, bis zum Schluß.

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Geschrieben von Buchmensch in Biographie um 12:07 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Alleinerziehende, Außenseiter, Christliche Fundamentalisten, Korea, Liebe zur Lyrik, Waisenkind

Samstag, 7. Oktober 2006

Berte Bratt: Meine Tochter Liz

Meine Tochter LizIch war immer voreingenommen gegen Berte Bratt. Berte Bratt, die in der Stadtbücherei drei Regalbretter und im Schneiderbuch-Katalog ganze Seiten im Alleingang füllte, war für mich immer die Definition jener Art Mädchenbuch, die ich nicht las - ich mutmaßte, daß diese Geschichten von Liebe handeln mußten, und so etwas Reaktionäres und Konventionelles lehnte ich doch entschieden ab. Jugendbücher sollten über aktuelle Probleme informieren, nicht von Liebe handeln! So war Berte Bratt also mein Feindbild, ohne daß ich je ein Buch von ihr gelesen hatte, und ohne daß ich irgend jemanden gekannt hätte, der das tat. Dennoch hielt ich es für abscheulichen Mainstream. Ich schreckte nicht davor zurück, Enid Blytons gesammelte Werke zu lesen... Manchmal glaube ich, ich war ein komischer Mensch. Meistens glaube ich, ich bin es immer noch. Dennoch habe ich jetzt ein Buch von Berte Bratt gelesen. Und de fakto war das Werk nicht einmal schlecht.

Ich bin, wie so oft, durch Zufall darangekommen, als Büchereipraktikantin. Immer wieder kommt es vor, daß freundliche Menschen der Stadtbücherei Bücher spenden, und diese enden dann entweder in der Wühlkiste oder werden in den Bestand eingearbeitet. Die Spende, mit der ich es zu tun hatte, enthielt einen Berg Mädchenbücher, die gesammelten Werke Berte Bratts, und das ist nicht mehr unbedingt das, was die jungen Mädchen des neuen Jahrtausends noch gerne lesen. Vor allem nicht mit diesen autentischen Siebziger-Jahre-Titelbildern. Der Großteil dieser Bücher wird also wohl in der Wühlkiste gelandet sein. Es macht wenig Sinn, Zeit und Material und Regalplatz aufzuwenden für ein Buch, das keinen Leser mehr findet, selbst wenn es eine Spende war. Aber jene Titel, die schon im Bestand waren, durften bleiben, um die Altexemplare zu ersetzen - die dann wiederum, natürlich, in die Wühlkiste wandern sollten. Das Einarbeiten durfte ich machen, vom Folieren übers Etikettieren bis zum Katalgoeintrag. Ich liebe diese Arbeit. Und ich liebe es, dabei ein bißchen und in Ruhe in den Büchern zu blättern und hineinzulesen. So erschnupperte ich dann die ersten Seiten von Meine Tochter Liz, und nachdem das Buch - von mir eingearbeitet, mir ganz allein - dann glücklich im Regal stand, mußte ich es natürlich sofort und voll Stolz ausleihen. Ich war erst angetan, und dann verärgert:

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Geschrieben von Buchmensch in Mädchenbuch um 11:45 | Kommentare (7) | Trackback (1)
Tags für diesen Artikel: Alleinerziehende, Waisenkind

Freitag, 6. Oktober 2006

Margery Allingham: Der Hüter des Kelchs

Der Hüter des KelchsOb Der Hüter des Kelchs tatsächlich der direkte Nachfolger von Gefährliches Landleben ist, kann ich nicht genau sagen - er ist 1931 erschienen, wie auch Polizei am Grab, und die unterschiedlichen Bibliographien lassen jedem der beiden Bücher mal den Vortritt. Ich hoffe jedoch, die richtige Reihenfolge gewählt zu haben, und die Tatsache, daß Alberts Liebeskummer noch frisch ist, scheint mir Recht zu geben.

Auch ich hatte Kummer in Zusammenhang mit diesem Buch, mußte ich es doch, auch wenn ich schon mehr als zwei Drittel davon verschlungen hatte, in München zurücklassen und bekam es erst am vergangenen Wochenende wieder, von Christoph ausgelesen. Und um mir wirklich noch weiter voraus zu sein, hatte er auch noch Polizei am Grab und Süße Gefahr fertig - Alberts Persönlichkeit scheint besorgniserregend auf ihn abzufärben. Doch ich konnte mich revanchieren: Wie durch Zufall hatte ich vergessen, ihm die weiteren Bände mitzubringen, so daß ich jetzt ein paar Wochen Zeit habe, mich durch die komplette Allingham zu arbeiten. Danach werde ich ihm die Bücher gerne für eine Weile überlassen. Solange es nicht wieder zehn Jahre dauert, bis ich sie noch einmal lese...

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Geschrieben von Buchmensch in Krimi um 21:19 | Kommentare (0) | Trackbacks (2)
Tags für diesen Artikel: Familiengeheimnis, Organisiertes Verbrechen

Dienstag, 3. Oktober 2006

Alyssa Brugmann: Zeig dein Gesicht

Zeig dein GesichtVielleicht hätte ich dieses Buch besser nicht gelesen. Es betrifft mich inhaltlich zu sehr, und vieles aus meiner Jugend kocht wieder hoch, vor allem folgende symptomatische Anekdote: Ich war fünfzehn Jahre alt und bummelte mit meiner besten Freundin durch die Stadt. Bis sie plötzlich zu mir sagte: »Du, macht es dir was aus, gerade mal eben auf die andere Straßenseite zu wechseln? Da kommen ein paar Freunde von mir, und die sollen mich nicht mit dir sehen.« - Was sollte ich tun? Ich gehorchte, ohne zu widersprechen. Sie war meine einzige beste Freundin, und ich konnte mir nicht erlauben, sie zu verlieren. Sollte ich mich nicht sogar geehrt fühlen, daß sie sich überhaupt mit mir abgab? Aber das tat ich nicht.

Zeig dein Gesicht ist die Geschichte einer solchen Freundschaft. Ein sensibles Buch, das ein sensibles Thema anrührt: Cliquenbildung und Schulhofmobbing. Ein Buch, das aufrütteln und sensibilisieren will. Es richtet sich an die Täter, nicht an die Opfer. Es ist nicht für mich geschrieben. Und ich hätte es auch besser nicht gelesen.

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Geschrieben von Buchmensch in Jugendbuch um 17:04 | Kommentar (1) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Außenseiter, Australien, Liebe zur Lyrik, Mobbing
(Seite 1 von 1, insgesamt 6 Einträge)

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