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Dienstag, 3. Oktober 2006

Alyssa Brugmann: Zeig dein Gesicht

Zeig dein GesichtVielleicht hätte ich dieses Buch besser nicht gelesen. Es betrifft mich inhaltlich zu sehr, und vieles aus meiner Jugend kocht wieder hoch, vor allem folgende symptomatische Anekdote: Ich war fünfzehn Jahre alt und bummelte mit meiner besten Freundin durch die Stadt. Bis sie plötzlich zu mir sagte: »Du, macht es dir was aus, gerade mal eben auf die andere Straßenseite zu wechseln? Da kommen ein paar Freunde von mir, und die sollen mich nicht mit dir sehen.« - Was sollte ich tun? Ich gehorchte, ohne zu widersprechen. Sie war meine einzige beste Freundin, und ich konnte mir nicht erlauben, sie zu verlieren. Sollte ich mich nicht sogar geehrt fühlen, daß sie sich überhaupt mit mir abgab? Aber das tat ich nicht.

Zeig dein Gesicht ist die Geschichte einer solchen Freundschaft. Ein sensibles Buch, das ein sensibles Thema anrührt: Cliquenbildung und Schulhofmobbing. Ein Buch, das aufrütteln und sensibilisieren will. Es richtet sich an die Täter, nicht an die Opfer. Es ist nicht für mich geschrieben. Und ich hätte es auch besser nicht gelesen.

Hippe Cliquen-Queen freundet sich mit dem meistgehaßten Freak der Schule an, bringt ihre Clique gegen sich auf und verrät die Freundschaft zugunsten des Status Quo - so läßt sich die Handlung schnell auf den Punkt bringen. Megan Tuw, die Heldin und Icherzählerin, macht es einem mit ihrer oberflächlichen blasierten Art nicht leicht, sie zu mögen - es wird aber schnell klar, daß sie im vergleich zu ihren noch oberflächlicheren, blasierteren Freundinnen noch so eine Art »gute Zicke« darstellt, eingebettet in ein liebe- und verständnisvolles Fortschrittselternhaus. Ich kenne diesen Typ Mensch, die niemandem etwas Böses wollen und doch das Wort Freak immer locker auf der Zunge sitzen haben, wenn jemand sich ihren Konventionen verweigert.

Perdita, auf der anderen Seite, vereint dann auch wirklich alle Freak-Klischees in sich, vom Shakespeareschen Vornamen über ihren Kleiderstil, Frisur, Hobbys, Hochintelligenz, Sarkasmus und Begabung, daß ich mich lesend unentwegt fragen muß: War ich auch so schlimm? Oder war es schlimmer, daß ich immer im entscheidenden Moment noch versuchen mußte, mich anzupassen?

Was ich diesem Buch primär vorwerfe ist, daß es nicht Perditas Geschichte erzählt, sondern Megans - natürlich, es ist für die Megans dieser Welt geschrieben und nicht für die Perditas. Wir erfahren, was Megan dazu bewegt, sich dieser Freundschaft zu stellen, lernen, was für eine Faszination doch von den Leuten, die man Freak nennt, ausgehen kann, wenn man nur bereit ist, über den Tellerrand zu blicken: Diese Phantasie! Diese Begabung! Diese Intelligenz!

Mich hätte Perditas Geschichte interessiert. In welcher Emotionalen Lage muß ein Mädchen, phantasievoll, begabt, intelligent, sein, daß es sich ausgerechnet mit einer Megan Tuw anfreundet? Was hat Megan zu bieten? Nichts als einen Status, der Perdita nicht weiter interessiert. Megan ist ein menschliches Nichts. Niemand, der als Freundin etwas wert wäre. Man muß sehr verzweifelt sein, um sich ausgerechnet um so einen Menschen zu bemühen. Perdita ist sehr verzweifelt. Aber im Mittelpunkt des Buches steht Megan, deren Bereitschaft zur Freakfreundschaft ein Heldenmut ist, der mehr Zivilcourage erfordert, als Megan am Ende aufbringen kann. Niemand fragt nach Perditas Zivilcourage. Aber ich denke, das ist eine Absicht der Autorin und hängt mit der Zielgruppenpolitik zusammen. Wenn die Megans dieser Welt am Ende des Buches glauben, daß die Perditas sie sowieso hassen und verachten, dann werden sie doch erst recht weiter das F-Wort pflegen...

Gedichte spielen in diesem Buch eine große Rolle - auch der Originaltitel Walking Naked bezieht sich nicht nur auf eine Schlüsselszene, sondern stammt aus einem Gedicht von W.B. Yeats. Da es sich auch in seiner deutschen Ausgabe an Jugendliche richtet, die sicher schon seit mehr als drei oder vier Jahren Englisch lernen, hätte es mehr Sinn gemacht, die zahlreichen lyrischen Textbeispiele - von William Blake über Sylvia Plath bis hin zu Destiny’s Child - im Original zu belassen. Leider wurde in allen Fällen auf Übersetzungen zurückgegriffen, die, auch wenn sie aus Anthologien renommierter Verlage stammen mögen, oft seltsam bemüht und gekünstelt klingen und sicher nicht den Effekt haben werden, deutsche Jugendliche zu Lyrikliebhabern zu machen.

Davon abgesehen, ist die Übersetzung durchaus gelungen und lebendig, und daß dieses Buch in Australien spielt, ist völlig irrelevant - jedes andere zivilisierte Land kommt in Betracht, und aufgrund der englischen Namen siedelt man es beim Lesen wahrscheinlich automatisch in den USA an. Da es aber bekanntermaßen auch ein deutsches Problem ist, finden sich im Anhang URLs von deutschsprachigen Webseiten, die Informationen und Beratung für gemobbte Schüler und ihre Freunde und Angehörigen bieten.

Nichtsdestotrotz ist es eine menschlich interessante Geschichte. Die Geschichte eines Verrats und einer Verräterin. Die Geschichte von Entscheidungen, die man trifft und nicht ungeschehen machen kann. Ein lohnendes Buch. Die Frage ist nur, wer es lesen soll. Es sind die Perditas dieser Welt, die sich freiwillig solche Bücher ausleihen, während die Megans keine Geschichten wollen, die nichts weiter tun als ihnen Schuldgefühle einreden. Es sind die Perditas, die sich am Ende des Buches einsam und ausgestoßen fühlen, wenn sie merken, daß nicht einmal ein solches Buch ihnen eine Hauptrolle im Leben einräumt - daß Perdiata das ganze Buch über niemals etwas anderes ist als ein Freak, erst ein abstoßender, dann ein faszinierender, am Ende ein toter - Freak bleibt Freak.

Das ist ein Status, den man im Leben nie ablegt. Selbst, wenn man irgendwann wirkliche Freunde findet. Selbst, wenn es mehr als fünfzehn Jahre her ist, daß man für seine beste Freundin die Straßenseite wechseln mußte. Irgendwann ist er nur nicht mehr so ständig präsent, wenn man nicht mehr direkt daran erinnert wird. Und das ist auch der Grund, warum ich Zeig dein Gesicht wohl doch besser nicht gelesen hätte.


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Geschrieben von Buchmensch in Jugendbuch um 17:04 | Kommentar (1) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Außenseiter, Australien, Liebe zur Lyrik, Mobbing
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Christian91Wenn ich ehrlich bin suchte ich nur auf eine halbwegs vernünftige Inhaltsangabe für „walking naked“, weil wir kommende Woche eine Englischschularbeit bei der wir die Gedichte und den Inhalt wiedergeben müssen. Deine Inhaltsangabe war eine Hilfe, weil ich das Buch nur auf Englisch gelesen habe und eine deutsche Übersetzung zusätzlich wollte.
Aber ich finde du gewichtest das Buch falsch. Es geht ganz klar um Megan und nicht um Perdita, weil erst ist Perdita nur ein Mittel zum Zweck (wegen der Protestaktion). Erst später bemerkt sie wie wunderbar Perdita ist und findet die Umstände heraus unter welchen sich Perdita entwickelte. Megan wollte das Perdita ihre Freundin ist, nur sie war noch nicht bereit einzusehen wie falsch ihre Freundinnen aus der Gruppe sind. Einfach nur Zeit hätte sie benötigt, aber Perdita hat in der Pool-Szene Megan die Zeit einfach genommen. Wäre dies auch nicht vorgefallen wäre es nicht mehr als ein einfacher 50 Groschenroman. Und dadurch gingen sie auseinander bis zum Ende des Buches, als Megan es einsieht. Aber da war es schon zu spät. Und meiner Meinung nach waren es nicht die Schuldgefühle die Megan dazu brachten. Aber es war zu spät. Perdita lies Megan erst keine Chance, und dann flüchtete sie auf eine Feige Weiße. Ich sehe darin keine Größe. Auch wenn ich zugeben muss das es bestimmt nicht die Leichtesten Umstände waren denen sie ausgesetzt war.
Sicherlich wäre es besser wurde es in keiner Schule Außenseiter geben, aber es ist wie es schon auf der Rückseite des Englischen Buches steht: „Every school has one .They are ugly or fat. They have scars or acne or birthmarks. We are mean to them. We ridicule them.“ Und auch wenn man der sozialste Mensch der Welt ist würde man sich wahrscheinlich kurz Gedanken ob man wirklich in einen Brennpunkt, wie der Schule seinen Ruf verlieren will. Einfach weil jeder gemocht werden will. Und in einen Umfeld wie z. B. einer Klasse wo 20 bis 30 Menschen zusammen treffen. Braucht es vielleicht auch Außenseiter, ganz einfach das der Rest näher zusammenwächst. Die andere Möglichkeit dahin zu kommen ist vielleicht Zeit, aber von der haben alle zu wenig. Weil wir zu viel verschwenden. Aber in Amerika, England, Australien ist dies noch ein größeres Problem bei einen Modularen Schulsystem, weil man jede Stunde mit jemand anderen in der Klasse ist. So können sich nur Gruppen und Außenseiter entwickeln. Weil sich niemand die Zeit nimmt jemand kennen zu lernen.
Sogar für die Grundlegendsten Dinge haben wir zu wenig Zeit. Es ist wie Lucius Annaeus Seneca schon sagte:“Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern zu viel Zeit die wir nicht nutzen.“
Und ich glaube das Buch ist einfach für jeden Geschrieben der sich die Zeit nimmt oder in Zukunft die Zeit nehmen will um eine andere Person richtig kennen zu lernen bzw. ihr die Zeit zu geben sich entfalten zu lassen. Somit ist dieses Buch sowohl für die Megans als auch für die Peritas dieser Welt geschrieben.(Alle anderen können es natürlich auch lesen. Verkauft sich auch so besser^^)

P.S.: Ich hoffe ich habe mich irgendwie verständlich ausgedrückt und das was ich geschrieben habe hört sich hoffentlich auch irgendwie nach deutschen Sätzen an. Und eins noch ich lerne schon gute 7 Jahre Englisch, kann es sicherlich auch nicht schlecht, aber die Zitate im Buch sind nicht allzu leicht zu verstehen.
#1 Christian91 am 14.04.2007 12:51 (Antwort)

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