Bibliophilis 

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Jean Webster: Lieber Feind

Daddy Langbein / Lieber FeindIn Daddy Langbein hatte Jean Webster bereits einen Teil ihres revolutionär-sozialistischen Gedankenguts zu einem Bestseller verarbeiten können, aber sie hatte noch mehr zu sagen, insbesondere, was die Erziehung und Haltung von Waisenkindern angeht - und wurde 1915, drei Jahre nach dem Erfolgs-Briefroman, die Fortsetzung Lieber Feind veröffentlicht. Wiederum in das Gewand eines Mädchenbuchs und Briefromans gekleidet, setzt die Geschichte ein geschätztes Jahr nach Daddy Langbein ein und stellt Judys beste Collegefreundin Sallie MacBride in den Mittelpunkt. Aber wo das erste Buch neben aller Sozialkritik noch vor Witz sprühte, herrscht hier vor allem ein scharfer Kampfgeist, und alles in allem muß gesagt werden, daß Dear Enemy dem Vorgänger nicht das Wasser reichen kann.

Sallie MacBride, Tochter aus gutem Hause, hat nach dem College nicht viel zu tun, was ihrer hohen Bildung gerecht würde - die Freundschaft mit einem aufstrebenden jungen Politiker genügt ihr nicht - und läßt sich auf eine wagemutige Herausforderung ein: Das John-Grier-Heim, Kinderstätte ihrer nun ebenso glücklich wie reich verheirateten Freundin Judy, nach Fortgang der alten Leiterin (nie wird klar, ob sie nun pensioniert oder entlassen wurde) in eine pädagogisch-liebevolle Mustereinrichtung zu verwandeln. Plötzlich sieht sie ihre hehren Ideale im Konflikt mit der Wirklichkeit: Hundert Waisenkinder, die nicht einmal gelernt haben zu spielen, geschweige denn glücklich zu sein, verknöcherte Angestellte, für die früher sowieso alles besser war, und einem knurrigen schottischen Kinderarzt, dessen Lieblingsthema Erbkrankheiten und Trunksucht sind. Es spricht für das Buch, daß Sallie nicht supernannygleich das heruntergewirtschaftete Haus auf Vordermann bringen will, sondern gleich die Brocken wieder hinschmeißen, aber natürlich bleibt sie, auch wenn Gordon, ihr lieber Politiker, ihr arg zusetzt, daß sie doch zurückkommen soll. Aber Buch ist Buch, und so bleibt Sallie, bringt supernannygleich das Haus auf Vordermann, und entscheidet sich am Ende natürlich gegen den Politiker und für den knurrigen Arzt.

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Geschrieben von Buchmensch in Mädchenbuch um 22:53 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Gesellschaftskritik, Waisenkind

Samstag, 7. Oktober 2006

Berte Bratt: Meine Tochter Liz

Meine Tochter LizIch war immer voreingenommen gegen Berte Bratt. Berte Bratt, die in der Stadtbücherei drei Regalbretter und im Schneiderbuch-Katalog ganze Seiten im Alleingang füllte, war für mich immer die Definition jener Art Mädchenbuch, die ich nicht las - ich mutmaßte, daß diese Geschichten von Liebe handeln mußten, und so etwas Reaktionäres und Konventionelles lehnte ich doch entschieden ab. Jugendbücher sollten über aktuelle Probleme informieren, nicht von Liebe handeln! So war Berte Bratt also mein Feindbild, ohne daß ich je ein Buch von ihr gelesen hatte, und ohne daß ich irgend jemanden gekannt hätte, der das tat. Dennoch hielt ich es für abscheulichen Mainstream. Ich schreckte nicht davor zurück, Enid Blytons gesammelte Werke zu lesen... Manchmal glaube ich, ich war ein komischer Mensch. Meistens glaube ich, ich bin es immer noch. Dennoch habe ich jetzt ein Buch von Berte Bratt gelesen. Und de fakto war das Werk nicht einmal schlecht.

Ich bin, wie so oft, durch Zufall darangekommen, als Büchereipraktikantin. Immer wieder kommt es vor, daß freundliche Menschen der Stadtbücherei Bücher spenden, und diese enden dann entweder in der Wühlkiste oder werden in den Bestand eingearbeitet. Die Spende, mit der ich es zu tun hatte, enthielt einen Berg Mädchenbücher, die gesammelten Werke Berte Bratts, und das ist nicht mehr unbedingt das, was die jungen Mädchen des neuen Jahrtausends noch gerne lesen. Vor allem nicht mit diesen autentischen Siebziger-Jahre-Titelbildern. Der Großteil dieser Bücher wird also wohl in der Wühlkiste gelandet sein. Es macht wenig Sinn, Zeit und Material und Regalplatz aufzuwenden für ein Buch, das keinen Leser mehr findet, selbst wenn es eine Spende war. Aber jene Titel, die schon im Bestand waren, durften bleiben, um die Altexemplare zu ersetzen - die dann wiederum, natürlich, in die Wühlkiste wandern sollten. Das Einarbeiten durfte ich machen, vom Folieren übers Etikettieren bis zum Katalgoeintrag. Ich liebe diese Arbeit. Und ich liebe es, dabei ein bißchen und in Ruhe in den Büchern zu blättern und hineinzulesen. So erschnupperte ich dann die ersten Seiten von Meine Tochter Liz, und nachdem das Buch - von mir eingearbeitet, mir ganz allein - dann glücklich im Regal stand, mußte ich es natürlich sofort und voll Stolz ausleihen. Ich war erst angetan, und dann verärgert:

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Geschrieben von Buchmensch in Mädchenbuch um 11:45 | Kommentare (7) | Trackback (1)
Tags für diesen Artikel: Alleinerziehende, Waisenkind

Dienstag, 12. September 2006

Jean Webster: Daddy Langbein

Daddy Langbein / Lieber FeindKein Buch aus der Bücherei, und keines, das ich zum ersten Mal lese - nein, es ist mein eigenes, und es ist mindestens das dritte Mal und ganz sicher nicht das letzte. Beim ersten Mal war ich fünfzehn und das Buch aus der Bücherei. Beim zweiten Mal war ich zwanzig und hatte das Buch passenderweise auf dem Flohmarkt der Heilsarmee erstanden. Und jetzt hatte ich einfach wieder Lust darauf. Es ist ein tolles Buch. Ich brauchte ein tolles Buch. Das Gemini-Projekt hatte zuviel von meiner positiven Leseenergie aufgebraucht. Da mußte etwas Bewährtes her. Und als ich im Internet durch Zufall auf die Anime-Verfilmung von Daddy Longlegs stieß, bekam ist plötzlich wieder Lust, dieses Buch zu lesen. Und fand mich wenige Minuten später im Wohnzimmer wieder, die Beine hochgelegt, eine Decke über den Knien und diese Blüte der amerikanischen Mädchenliteratur in Händen. Und las, und las, und genoß wie damals und damals.

Dem Genre »Mädchenbuch« haftet irgendwie etwas Negatives an, als ob kein männliches Wesen jemals an einem dieser Bücher Gefallen finden könnte, es impliziert etwas Abgedroschenes, Schmonzettiges - als wäre es nur ein kleiner Schritt vom Mädchenbuch hin zu Rosamunde Pilcher und dem Echo der Frau. Ich verwende den Betriff jedoch weder ab- noch aufwertend für eine Untergruppe des Adoleszenzromans, in dem sich junge Frauen ihren Platz in der Gesellschaft schaffen. Und der ist nicht immer da, wo die zeitgenössischen Konventionen ihn gerne gesehen hätten. Vor allem in diesem Buch.

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Geschrieben von Buchmensch in Mädchenbuch um 00:34 | Kommentare (0) | Trackback (1)
Tags für diesen Artikel: Gesellschaftskritik, Internat, Waisenkind
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