Maria Z. Medina: Mistress of Bones

Als ich vor zwei Jahren nach langer Pause wieder mit dem Lesen angefangen habe, war das erste Buch The Gilded Crown, die Geschichte einer jungen Frau, die Tote wieder zum Leben erwecken kann und in höfische Intrigen verwickelt wird. Jetzt habe ich Mistress of Bones gelesen, die Geschichte einer jungen Frau, die Tote wiederbelebt und in höfische Intrigen verwickelt wird. Nekromantenromane sind gerade im Trend, so viel habe ich verstanden, und ich habe noch mehr Bücher mit dem Thema auf meinem SuB liegen, die kommen also noch dran. Aber sowohl The Gilded Crown als auch Mistress of Bones haben von Aufmachung und Klappentext Sachen versprochen und dann nicht gehalten – und im Fall von Mistress of Bones kann ich sagen, dass es dem Buch gut getan hat.

Die Geschichte spielt in einer spanisch angehauchten Fantasywelt – Autorin Medina ist selbst Spanierin – die auf den buchstäblichen Knochen der Götter, Anker genannt, errichtet worden ist. Die Menschen im Königreich Sancia, gierig wie sie sind, treiben Raubbau am leibhaftigen Fundament ihrer Welt, wodurch schon ganze Städte weggebrochen und in den bodenlosen Abgrund gestürzt sind, woraufhin dort ein Anker-Abbau-Verbot verhängt worden ist, das jetzt aber, zwei Jahre nach dem vorzeitigen Ableben der Königin, wackelt. Ganz anders hingegen das Land Valanje, wo der Herr des Todes verehrt wird: Da käme man nicht auf die Idee, in die göttlichen Knochen hineinzufräsen, und die Abgesandten des Todes genießen hohes Ansehen.

So ein Abgesandter ist Enjul, und er nimmt seinen Job ernst. Aus der Beschreibung seiner Augen, mit goldener Iris und einem violetten Ring darum, hätte ich ein Trinkspiel machen können, so oft werden sie erwähnt. In der pseudo-spanischen Welt ist Enjul ein sehr anime-mäßiger Charakter, groß, breitschultrig, unnahbar, und habe ich schon seine Augen … Er ist jedenfalls ein Hardliner vor seinem Gott, als er ausgeschickt wird, einen rätselhaften Fall aufzuklären. Da ist eine junge Frau, frisch per Schiff in Valanje angekommen, kaum dass sie von Bord gehen wollte, zu Biomasse zerfallen, und das riecht so sehr nach Nekromantie, dass da ein göttlicher Abgesandter ran muss. Besonders auffällig dabei: Die jüngere Schwester der Verstorbenen.

Diese, Azul – was, wie das Buch auch nicht weniger als vier, fünfmal erwähnt, Himmelblau bedeutet – hat als kleines Mädchen ihre verstorbene Schwester wiederbelebt, aus einem abgetrennten Fingerknochen wachsen lassen, wie uns das erste Kapitel erzählt hat, also keine Suspense an dieser Stelle. Enjul will sie verhaften, sie flieht mit der Fechterin Nereida zurück nach Sancia, um dort die restlichen Knochen ihrer Schwester aufzutreiben und sie kurzerhand nochmal wiederzubeleben. Enjul hinterher, und so beginnt ein Katz- und Maus-Spiel, bei dem Enjul seiner Opponentin intellektuell immer einen Schritt voraus ist. Schließlich weiß er, anders als sie, wo die Knochen der Verstorbenen hingebracht werden.

So landen sie in der Hauptstadt, wo sie bald feststellen, dass dort ein anderer Nekromant sein Unwesen treiben muss, einer, der ohne Skrupel Leute noch und nöcher wieder aufstehen lässt, und weil Azul in die Enge getrieben ist und nicht mehr weglaufen kann, schließt sie sich notgedrungen mit Enjul zusammen, um diesen Nekromanten in der Stadt aufzutreiben. Und schon finden sie sich in einem Strudel aus höfischer Intrige, wandelnden Leichen und blitzenden Degen wieder – und müssen gleichzeitig die unerklärliche Anziehung, die sie füreinander empfinden, überwinden …

Cover und Klappentext deuten an, dass wir es hier mit der nächsten Enemies-to-Lovers-Geschichte zu tun haben, und sicherlich spielt Medina auch mit den Konventionen dieses von mir nicht sonderlich geliebten Tropes. Selten habe ich beim Lesen mehr gehofft, dass sie sich nicht kriegen, denn die Beziehung zwischen Enjul und Azul ist völlig aus dem Gleichgewicht. Er ist ihr an Macht um Längen überlegen, droht ihr ständig damit, sie nach Valanje zu schleppen, wo ihr der Prozess gemacht werden soll, und abgesehen davon ist er lang erwachsen, während sie mit ihren neunzehn Jahren noch ausgesprochen kindlich wirkt. Ja, sie kann die Toten wiederbeleben, aber damit hat sie gegenüber Enjul keinen Hebel, und zwischen den beiden habe ich auch keine nennenswerte Chemie wahrgenommen.

Vielleicht war das mein Hauptproblem mit diesem Buch: Die Figuren haben mich von Anfang bis zum Ende ziemlich kaltgelassen. Sie sind nicht unsympathisch, aber für eine Geschichte, in der es buchstäblich es um Leben und Tod geht, wirken sie doch ziemlich leblos. Da hilf es auch nicht, dass Enjul als Hobby zeichnet und garstige Knochenmasken und -rüstungen entwirft; dass Azul einen Dolchfimmel hat – sie bleiben beide flach und wirken seltsam unfertig. Nachdem ich in The Raven Scholar so sehr mit den Figuren mitgefiebert habe, war hier das Lesen ziemlich meh. Es war nicht schlecht, es war nicht langweilig, ich habe nur fünf Tage gebraucht, bis ich durch war, aber es hat mich einfach nicht packen können.

Dazu kommen ein paar eher fragwürdige Entscheidungen der Autorin. Das eine ist, dass die Handlung ständig hin und her springt. Dauernd heißt es »anderthalb Jahre früher«, »eine Woche früher«, »sieben Jahre früher«, nur um dann nach ein paar Seiten wieder in die Gegenwart zu springen. Dabei wirken viele dieser Rückblenden unnötig, tragen weder zur Wahrheitsfindung bei noch zum Verständnis der Figuren. Es macht das Buch nur wuselig. Und dann die Perspektiven! Das Buch hat zu viele Perspektivträger, keiner von ihnen ist mir ans Herz gewachsen, und weil die Leute mal unter ihren Vornamen, mal unter ihren Nachnamen, und mal nur unter ihren Titeln agieren, verliert man schnell den Überblick, wer jetzt wer ist. Am Ende des Buches ist ein Anhang mit Namen, der hilft schon mal, aber wenn man ihn zu früh findet, verrät er ein bisschen viel, und wenn man ihn zu spät findet, braucht man ihn nicht mehr.

À propos verraten: Ist das aktuell ein Trend, nach zwei Dritteln eines Fantasykrimis dem bis dato unidentifiziertem Schurken die Perspektive zu geben, damit der sich gegenüber den Lesenden offenbaren kann? Das hat mich schon in The Raven Scholar geärgert, da war das Buch aber ansonsten so gut, dass ich ihm dafür letztlich keine Punkte abgezogen habe. Aber in Mistress of Bones haut das voll rein. Ich war so schön am Miträtseln, bin Figuren durchgegangen, die früh genug im Buch aufgetreten sind – ich bin davon ausgegangen, dass wir diesem ominösen Nekromanten schon längst begegnet sein müssten – und gerade, als ich dabei war, mich auf einen Verdächtigen festzulegen … Bäm! Der Schurke enthüllt sich in einer völlig unnötigen Szene, alle Spannung ist raus, und alles, was bleibt, ist die Frage nach den ethischen Problemen, die es mitbringt, jemanden zum Leben zu erwecken, der eigentlich tot sein sollte, den man aber nicht mehr um Erlaubnis bringen kann.

Dieser Moralaspekt ist erstmal interessant, macht das Buch aber zäh, denn Azul und Enjul verbringen endlose Dialoge mit der Frage, ob man jetzt die Toten wiedererwecken darf oder ob das gegen den Willen des Todesgottes geht, drehen sich dabei laufend im Kreis und wiederholen sich zu oft, so dass das Ganze Dilemma schnell abnutzt. Auch die Problematik, dass Azul, wenn sie jemanden wiederbelebt, immer ein Stückchen ihrer eigenen Seele dafür aufwenden muss, das dann langsam wieder nachwachsen muss, klingt interessanter, als es dann im Buch gelöst wird – der Aufwand bleibt ohne Konsequenzen; wann immer Azul jemanden wiederbeleben muss, hat sie auch die Kraft dafür, ob sie nun Menschen wiederbelebt oder Tiere. Dass sie dafür eigentlich den Knochen in Erde oder anderen Nährboden (etwas zu essen tut es auch) stecken muss, aber in den entscheidenden Momenten auch ohne auskommt, wirkt dann mehr als nur ein bisschen inkonsequent.

Dabei hat das Buch auch seine guten Momente. Der Weltenbau ist interessant, die blau leuchtenden Götterknochen über dem Abgrund geben ein interessantes Weltenfundament ab, und die fünf Götter – Leben und Tod, Traum, Albtraum und Das Gesegnete Herz, eine hermaphroditische Gottheit der Geburt, werden gut präsentiert. Der große Plan des großen Schurken fügt sich nahtlos in diese Welt ein und gibt ihr Gewicht, sodass sie mehr ist als bloße Kulisse, eine Offenbarung am Ende, die mir gefallen hat. Die Autorin spielt geschickt mit den Erwartungen, dass sich Azul und Enjul ja bestimmt bekommen (wobei mir lieber gewesen wäre, das noch nicht einmal anzudeuten) und führt ihre Leserschaft mehr als einmal geschickt an der Nase herum.

Aber all das will irgendwie nicht ausreichen, Mistress of Bones zu einem guten Buch zu machen. Da helfen nicht mal die Mäntel und Degen, die in Sancia so präsent sind und gerne mit Masken kombiniert werden – eine Ästhetik, die ich eigentlich liebe. 1995, in meinem Studium des Bibliothekswesens, habe ich ein Referat über den Mantel-und-Degen-Roman halten dürfen – und musste feststellen, dass es außerhalb der Drei Musketiere praktisch keine Vertreter dieses Genres gab, sodass ich das dann auf den historischen Abenteuerroman im Allgemeinen ausgeweitet habe. Seitdem, das ist ja inzwischen über dreißig Jahre her, sind diverse Romane mit Mänteln und Degen erschienen, aber ich freue mich doch immer, wenn ich das Motiv in einem Roman, ob realistisch oder phantastisch, finde, und das spanisch beeinflusste Setting passt dazu gut.

Aber ich bin unsicher, ob ich das Buch jetzt weiterempfehlen möchte oder eher nicht. Es ist irgendwo dazwischen, denke ich. Wenn ihr auf der Suche nach der nächsten Enemies-to-Lovers-Geschichte seid, lest dieses Buch nicht, denn das ist es einfach nicht. Wenn ihr einen Krimi zum Miträtseln sucht, werdet ihr enttäuscht, so wie ich enttäuscht wurde. Aber wenn ihr es mit Nekromantie habt, mit Göttern, mit moralisch-ethischen Fragestellungen, und mit blitzenden Degen, dann könnte das ein Buch für euch sein. Im Zweifelsfall lasst es einfach drauf ankommen. Es ist ja kein schlechtes Buch. Es hat mich nur nicht begeistern können.

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