Bibliophilis 

Freitag, 17. Oktober 2008

Margery Allingham: Ein böser Nachbar

Ein böser NachbarNachdem ich vor zwei Jahren dann doch gescheitert bin in meinem Ansinnen, alle Bücher Margery Allinghams zu lesen und zu rezensieren, nachdem Christoph aus München zurück war und ich keine sechsstündigen Bahnfahrten mehr zu absolvieren hatte, gibt es nun einen neuen Anlauf. Nach wie vor ist meine Begeisterung für diese britische Autorin ungebrochen, und nachdem jetzt Dorothy Sayers bei mir erste Abstriche am Image hinnehmen mußte, widme ich mich nun also wieder ihrer unbekannten Konkurrentin: Und so folgt auf Sayers Erstling nun der erste Kriminalroman Allinghams.
Ein böser Nachbar ist ein Roman, der in vielerlei Hinsicht den Vergleich mit ein Toter zuwenig scheuen muß, aber auch mit seinen eigenen Nachfolgern um den undurchsichtigen Privatermittler Albert Campion. Nicht nur ist das Buch mit knapp 160 Seiten deutlich dünner als die meisten Krimis, es ist auch in seiner Entstehungsgeschichte nicht mit einem durchgeplanten, geschriebenen und überarbeiteten Roman zu vergleichen. Vor seiner Veröffentlichung als Buch im Jahr 1928 war The White Cottage Mystery als Fortsetzungsroman im Daily Express veröffentlicht worden, und Trotz einer späteren Überarbeitung durch Allinghams Schwester Joyce, bei der die typischen Was-bisher-geschah-Einführungen am Anfang der einzelnen Kapitel herausgekürzt wurden, bleibt der Kolportage-Charakter des Buches durchgehend spürbar. Aber typisch für Kolportageromane sind nicht nur die sehr kurzen und ziemlich exakt gleich langen Kapitel und oft das Gefühl, daß das Ende nicht so recht mehr zum Anfang passen mag, sondern auch besonders gute Lesbarkeit und Spannung bis zum Schluß - ein Fortsetzungsroman darf sich keine langsatmigen Strecken erlauben, auch wenn die Spannung gewöhnlich auf Kosten des Anspruchs geht. So ist auch Ein böser Nachbar leichte Kost - bis hin zu dem äußerst wagemutigen Ende: Denn nach dem Finale hat eine Kolportageautorin nichts mehr zu verlieren.

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Geschrieben von Buchmensch in Krimi um 21:18 | Kommentare (2) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Landhausmord, Organisiertes Verbrechen

Sonntag, 12. Oktober 2008

Dorothy L. Sayers: Ein Toter zuwenig

Ein Toter zuwenigDorothy L. Sayers gehört zu den ganz großen Damen der britischen Kriminalliteratur. Sie hat nicht so viele Bücher geschrieben wie Agatha Christie - bei weitem nicht - aber dafür bringt sie den höheren literarischen Anspruch mit, spickt ihre Bücher mit Anspielungen und Zitaten und nimmt es am Ende so ernst mit ihrer Literatur, daß sie das Krimischreiben drangibt und nur noch religiös-philosophische Schriften verfaßt. Doch egal, wie es zu Ende ging - ihren Verdienst um den Kriminalroman kann man ihr nicht absprechen, und sie hat vielen Autorinnen klassischer Krimis den Weg geebnet.
Auch ich verdanke ihr viel: Ihre Krimis waren die ersten, die meine Eltern mich lesen ließen, als ich mit gut vierzehn Jahren meinte, ich wäre nun aus den Drei Fragezeichen rausgewachsen und wolle gern auch mal etwas mit richtigen Morden lesen - da gaben sie mir Ein Toter zuwenig zu lesen, und erst als ich schon mehr als halb durch war, merkten sie, daß es vielleicht doch nicht die weiseste Wahl war, denn das Schicksal des Sir Reuben ist doch eines von der grauslicheren Sorte... Aber es scheint mir nicht geschadet zu haben, begründete mein bis heute ungebrochenes Interesse an der Gerichtsmedizin im Besonderen und am klassischen englischen Kriminalroman im Allgemeinen, und ich finde es immer noch am Besten, bei einer Krimireihe auch mit dem ersten Band anzufangen. Seither habe ich Ein Toter zuwenig bestimmt vier- oder fünfmal gelesen, öfter als jeden anderen Band der Reihe, weil es immer der erste Krimi ist, zu dem ich im Krankheitsfall greife. Und nun, da mich die Grippe gepackt hat, war es wieder einmal soweit: Und so las ich, zum ersten Mal seit bestimmt zwölf Jahren, den ersten Fall der adligen Spürnase Lord Peter Wimsey.

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Geschrieben von Buchmensch in Krimi um 16:29 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)

Samstag, 11. Oktober 2008

Rumer Godden: Das verbotene Haus

Das verbotene HausÜber das Buch Who’s Who in Children’s Literature kam ich auf die britische Autorin Rumer Godden - vertreten mit The Dolls’ House, Geschichte einer Puppenfamilie. Dieses Buch besitze ich zwar nicht, wohl aber ein anderes von Godden, in dem es ebenfalls um Puppen geht - und darum habe ich Anlaß und Grippe genutzt und mich noch einmal über Das verbotene Haus hergemacht. Es ist wieder eines von diesen Büchern, die mit seit meiner Kindheit begleiten, und damals wie heute hat es einen großen Eindruck auf mich hinterlassen.
Als Kind war ich immer, bestrebt, mich von meiner jüngeren Schwester zu unterscheiden, die wilde, wagemutige. Daß ich im Kindergarten noch mit Puppen gespielt habe, stimmt, allerdings war das mehr das ritualisierte Ankleiden und Zu-Bett-Bringen einer bestimmten Puppe, das ich zusammen mit verschiedenen anderen ritualisierten Aufgaben hinter mich bringen mußte - ein bestimmtes Bild malen, ein bestimmtes Muster stecken - bevor ich mit dem eigentlichen Spielen anfangen konnte. Zuhause fristeten meine Puppen mehr ein Schattendasein - ich mochte sie, weil sie schön waren, doch ich spielte nicht mit ihnen. Vielleicht lag es daran, daß meine Mutter damals Puppen machte - wenn man dem ganzen Herstellungsprozeß beiwohnen kann, ist das eine sehr entmystifizierende Sache, und es wäre mir nicht im Traum eingefallen, eine Puppe für ein lebendes, fühlendes Wesen zu halten. Warum also so tun als ob? Geschichten erleben konnte ich auch in meinem Kopf, dafür brauchte ich keine Puppen, und wenn es darum ging, kleine Leute zu wickeln - dafür hatte ich Geschwister. Ich war kein Puppenkind. Bis ich, vermutlich neun Jahre alt, dieses Buch las. Und nachdem ich auch dem Rest der Familie davon vorgeschärmt hatte, mußten sie dann mit mir und allen Puppen, die in unserem Haus aufzutreiben waren, das japanische Puppenfest veranstalten.
Das Puppenfest kann man nur einmal im Jahr feiern, und so schwand mein Interesse an Puppen danach wieder rapide - ich hatte ein Kinderbuch gelesen, nicht mich einer Hirnwäsche unterzogen. Und doch muß es ein bemerkenswertes Buch sein, um ein wildes kleines Mädchen zu einer Puppenliebhaberin zu machen, und sei es nur für eine Woche.

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Geschrieben von Buchmensch in Kinderbuch um 23:22 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Außenseiter, Geheimnisvolles Haus, Japan, Puppen

Freitag, 10. Oktober 2008

A.A. Milne: Four Days Wonder

Four Days WonderSchubladen sind für Verlage etwas tolles, und für Autoren etwas schreckliches. Hat ein Autor mit einem Werk großen oder gar sehr großen Erfolg, wird man ihn kaum noch etwas anderes schreiben lassen. J.K. Rowling zum Beispiel wird man keine naturalistischen Krimis mehr abkaufen und keine historischen Romane, die in der inneren Mongolei spielen und in denen kein bißchen Zauberei vorkommt. Unter einem Pseudonym, vielleicht - aber selbst dann kann sich der Verlag querstellen, denn er weiß nicht, ob er diese Bücher dann verkaufen kann, und überhaupt soll sie keine Zeit mit Experimenten verschwenden, sondern den neuen Harry Potter ranliefern! Wir wissen noch nicht, wie J.K. Rowling auf die Dauer damit umgehen wird. Aber im hier vorliegenden Fall, dem unvergleichlich köstlichen Werk Four Days Wonder, sind sie am Ende alle gescheitert: Der Verlag, der Autor, und das Buch.
Der Autor war kein Unbekannter, ganz im Gegenteil: Alle Welt liebte Alan Alexander Milne als den Verfasser der beiden Bücher um die Abenteuer des Jungen Christopher Robin und seinen Bären Winnie-the-Pooh, sowie zweier Bücher mit Kinderversen. Daß er außerdem verschiedene Romane geschrieben hatte, darunter einen ehemals sehr erfolgreichen Krimi, interessierte Anfang der Dreißiger Jahre niemanden mehr. Pooh war der Hit. Wir wollen mehr Pooh. Aber einer wollte nicht: Der Autor. 70.000 Wörter Kinderbuch waren ihm genug. Christopher Robin, der Sohn, war groß geworden, spielte nicht mehr mit Teddies und wollte nicht mehr mit Versen unterhalten werden, und A.A. Milne wollte wieder schreiben, wonach ihm der Kopf stand, so wie er es schon immer gewollt hatte. Es würde keinen weiteren Pooh geben, basta, und wenn der Verlag sich auf den Kopf stellte - und Milne setze sich durch. Nach Winnie-the-Pooh und The House at Pooh Corner entstanden alle weiteren Abenteuer des Kleinen Bären ausschließlich im Hause Disney. Milne jedoch schrieb ein zum Schreien komisches Buch für die Größeren, Four Days Wonder. Und obwohl ich fast zehn Jahre lang Teddybären gemacht habe und ein entsprechendes Verhältnis zu Pu-dem-Bären habe, ist dieses Buch mir doch von allen Büchern Milnes mit deutlichem Abstand das liebste. Selbst wenn es außer mir heute so gut wie niemand mehr kennt.

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Geschrieben von Buchmensch in Belletristik um 15:17 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Tove Jansson: Komet im Mumintal

Komet im MumintalEs war Anfang 1998, und ich hatte ein wichtiges Vorstellungsgespräch. An diesem Tag sollte sich entscheiden, ob Frau Krohn mich als Auszubildende in ihrer Buchhandelsfiliale haben wollte. Ich wollte diese Stelle, unbedingt, und ich war ebenso entschlossen wie aufgeregt, aber bereit, letzteres gut zu vertuschen. Ich war kompetent. Ich war vorgebildet. Dieser Laden, und kein anderer, sollte aus mir genau die richtige Mischung aus Literatur- und Fachbuchhändlerin machen. Routiniert berichtete ich von meinen Verkaufserfahrungen als Teddybärenmacherin auf Kunsthandwerkermärkten und Börsen. Und warum es mich trotz Bibliothekarsdiplom nun doch lieber in den verbreitenden Buchhandel zog. Und so weiter. Bis an einem Punkt des Gesprächs Frau Krohn mich abrupt fragte: »Sagen Sie - kennen Sie die Mumins?«
Es ist nicht die Frage, die man von einer Fachbuchhändlerin erwartet, und ebenso unvorbereitet wie spontan verwandelte ich mich vom Kompetenzmonster in einen Menschen und antwortete: »Die Mumins? Ich liebe sie, ich bin mit denen aufgewachsen!«
Hätte ich an der Stelle die Stirn gerunzelt und gesagt ‘Ja, früher habe ich die ganz gern gelesen’ oder die Nase gerümpft und gesagt ‘Kinderbücher...’, dann wäre an dieser Stelle wohl alles vorbei gewesen. Es mußte ein Test sein, aber das begriff ich erst viele Jahre später, lange nachdem ich meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte.
»Wer ist Ihre Lieblingsfigur?« fragte Frau Krohn weiter.
Wieder antwortete ich ohne Zögern: »Der Mumrik«, und setzte erklärend hinterher: »Oder auch Schnupferich.«
Frau Krohn lächelte. Vielleicht grinste sie auch. »Wissen Sie«, sagte sie dann, »ich mag die kleine Mü am liebsten.«
Und danach, für die Zeit meiner Ausbildung und darüber hinaus, wußten wir beide genau, woran wir beim anderen jeweils waren.

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Geschrieben von Buchmensch in Kinderbuch, Weltliteratur um 14:18 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Queste, Weltuntergang

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Carolyn Keene: Die verborgene Treppe

Die verborgene TreppeWenn Bücher aus einer anderen Sprache übersetzt werden, setzen sie manchmal so weit über, daß sie dabei glatt über den Jordan gehen. Bei dem vorliegenden Buch ist dies der Fall - so etwas passiert nur allzu leicht, wenn (meistens nicht durch den Übersetzer selbst, sondern per Verlagsbeschluß) versucht wird, eine Geschichte ans neue Zielpublikum anzupassen. Und so war Nancy Drew, Kultfigur der amerikanischen Jugendbuchszene, dazu verdammt, eine deutsche Austauschstudentin mit Namen Susanne Langen zu werden.
Erst einmal bin ich ja selbst darauf hereingefallen, aber ich war auch erst zehn Jahre alt, als ich mir dieses Buch auf dem Pfarrfestflohmarkt kaufte, und ich war noch unschuldig und ahnte nicht, welche Freiheiten sich Verlage herauszunehmen bereit waren. Ich war nur erstaunt: Eine amerikanische Autorin - Carolyn Keene war ein Name, den ich schon mit zehn als eindeutig amerikanisch identifizierte: Anders als bei Berte Bratt verzichtete man hier darauf, neben der Hauptfigur gleich auch noch die Autorin umzunennen - schreibt Bücher über eine deutsche Heldin? Und die Amerikaner wollen so etwas lesen? Ja, das fiel mir auf, schon mit zehn Jahren, aber ich zog keine Schlüsse daraus - wie sollte ich auch? Statt dessen las ich mich durch ein gutes Halbdutzend Susanne-Langen-Abenteuer, wunderte mich zunehmend, daß ihr Austauschjahr nie vorüberging und sie auf alle Ewigkeit bei ihrem Onkel Peter (im Original: Nancys Vater, Carson Drew) wohnte und sie wohl gar keine Anstalten machte, jemals wieder in die Heimat zurückzukehren. Was mir auch auffiel war, wie langweilig diese Bücher doch eigentlich waren, verglichen mit den Abenteuern der Drei Fragezeichen. Und so verebbte dann meine Freundschaft mit Susanne Langen, die eigentlicht Nancy Drew hieß.

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Geschrieben von Buchmensch in Jugendbuch um 21:21 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Geheimnisvolles Haus

Dienstag, 7. Oktober 2008

Gaye Knowles: Auf geheimnisvoller Spur

Auf geheimnisvoller SpurIch hatte schon als Kind Probleme, an einem Bücherstand vorbeizugehen - die Kombination aus Buch und Flohmarkt war unwiderstehlich: Da gab es nicht nur Schnäppchen - da gab es vor allem einmalige Chancen, ein Buch zu bekommen, das es vielleicht gar nicht mehr gab! Und so hörte ich mit gut neun Jahren auf, mir von meinem Taschengeld Eis zu kaufen, und wandelte es lieber in Bücher um. Früher hätte es auch wenig Sinn gemacht, aber mit neun Jahren bekam ich 1,25 DM pro Woche, und das entsprach etwa einem Flohmarktbuch. Oder, wenn ich das Geld sparte, konnte ich mir einmal im Monat ein neues Taschenbuch kaufen - was ich eher selten tat, gemessen daran, daß ein neues Buch soviel kostete wie fünf vom Flohmarkt.
Und so kamen einige seltene und einige seltsame Schätze zusammen, Kinderbücher aus verschiedenen Jahrzehnten, die heute gesuchte Sammelstücke sein könnten - wenn es sich nicht bei einem Großteil von ihnen um aussortierte Exemplare aus der Pfarrbücherei handelte. So viele Flohmärkte gab es bei uns auf dem Dorf nämlich nicht. Trotzdem, ich habe diese Bücher alle noch und bin doch sehr zufrieden mit meinem neunjährigen Geschmack.Wenn ich krank werde und mit Fieber im Bett liege, mache ich mich bevorzugt über meine alten Kinderbücher her - Bücher, die ich schon oft oder zumindest mehrmals gelesen habe, die keine großen und anstrengenden Überraschungen mehr bieten und dafür anständige Unterhaltung liefern. Vor allem jetzt, wo mich die Grippe gepackt hat und wir keinen Fernseher mehr haben. Hätte ich sonst den ganzen Tag lang Talk- und Gerichtsshows geglotzt, lese ich mich nun also querbeet durch meine Kindheit und lande so bei Büchern, die ich schon jahrelang nicht mehr von innen gesehen habe, so auch bei dem vorgeblichen Blyton-Verschnitt Auf geheimnisvoller Spur

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Geschrieben von Buchmensch in Jugendbuch um 17:12 | Kommentare (0) | Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: Ferienabenteuer, Insel, Waisenkind
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