Kyrie McCauley: All the Dead Lie Down

Über die Locked Library, die ÜberraschungsbLibücherbox aus dem Vereinigten Königreich, die ich seit vergangenem Jahr im Abo habe, sind schon ein paar echte Schmuckstücke in meinem Bücherschrank gelandet, aber kaum eines von ihnen ist so hübsch wie All the Dead Lie Down. Anders als viele Bücher aus der Locked Library, die ich von mir aus vielleicht nie in die Hand genommen hätte, fällt dieses, mit seinem bezaubernden Cover und anheimelnden Titel, sofort in mein Beuteschema: Ein geheimnisvolles Haus, gruselige kleine Mädchen und romantische große, ein dunkles Familiengeheimnis – solche Bücher lese ich doch wirklich gerne, selbst ohne farbigen Buchschnitt. So habe ich mich doch mit einigen Erwartungen an das Buch aus Mai 2023-Box gemacht. Und bin dann am Ende doch ein bisschen enttäuscht von dem, was ich da gelesen habe.

Dabei hatte ich mich über die Aussicht auf eine queere Liebesgeschichte sehr gefreut, und anders als bei The Gilded Crown bin ich, was die angeht, diesmal auf meine Kosten gekommen. Die Schwächen liegen für mich im Rest des Buches, vor allem in seinem Showdown, und ich muss vorwarnen, dass diese Rezension ein paar Spoiler enthält, weil die Handlung so langsam in die Gänge kommt, dass die phantastischen Elemente überhaupt erst in der zweiten Hälfte des Buches ins Spiel kommen und es schwer ist, ohne sie über die Geschichte zu sprechen, namentlich über die Elemente, die mich nicht überzeugen konnten.

Der Anfang liest sich ziemlich klassisch: Die frischverwaiste Marin Blythe kommt in das Haus der Schriftstellerin Alice Lovelace, alte Freundin ihrer Mutter, um dort gegen Kost und Logis über den Sommer deren Töchter zu hüten, und stolpert da schon bald über tote Vögel, begrabene Puppen und den hauseigenen Friedhof. Und als dann Alices älteste Tochter unerwartet aus dem Internat nach Hause kommt, bahnt sich auch noch eine zarte Romanze an. Aber mein Problem ist, dass der Anfang mir schlichtweg ZU klassisch ist. Es fühlt sich nicht an wie eine Geschichte, die in der Jetztzeit spielt, sondern mehr wie etwas aus den Fünfziger, Sechziger, bestenfalls Siebzigerjahren, und als Marin dann ein Smartphone hat, wirkt das ausgesprochen anachronistisch.

Aber schon vergisst sie, das Telefon aufzuladen, und es wird nie wieder erwähnt. Schriftstellerin Alice schreibt ihre Bücher per Hand, was ihr jeder zeitgenössische Verlag um die Ohren hauen würde, und scheint nicht einmal einen Computer zu besitzen. Und so macht das Ganze irgenwie den Eindruck, als hätte Autorin McCauley ursprünglich beabsichtigt, das Buch zu einem deutlich früheren Zeitpunkt spielen zu lassen und dann auf Druck ihrer Lektorin halbherzig ein paar Artefakte des einundzwanzigsten Jahrhunderts einzubauen. Das ganze Setup wirkt antiquiert, angefangen damit, dass die mittellose Marin noch nicht einmal auf die Idee kommt, über die Unterkunft hinaus nach einem Gehalt zu fragen, während sie in Zwölf- bis Sechzehnstundentagen für die Töchter da ist – die Töchter einer Bestsellerautorin, wohlbemerkt, und dann auch noch aus einer der führenden Familien Neuenglands.

Sie lässt sich so klaglos ausbeuten, dass es wehtut. Selbst den Flug von Kalifornien nach Maine zahlt sie aus eigener Tasche, mit ihrem allerletzten. Und dass sie sich keine Gedanken darüber macht, dass sie vielleicht erreichbar sein sollte, spricht auch nicht für ihre Umsicht – ihre Mutter ist bei einem Zugunglück ums Leben gekommen, gerade erst unter der Erde, und dass sie da zum Beispiel ein Schmerzensgeld oder eine Versicherungsprämie erwarten könnte, kommt ihr nicht in den Sinn. Und natürlich ist sie erst ein Teenager, vielleicht kommt sie wirklich nicht auf die Idee, aber sie ist einfach schlecht beraten von allen Erwachsenen um sie herum. Dass sie unter ständigen Alpträumen und wiederkehrenden Angstzuständen leidet – sie saß selbst mit im entgleisten Zug – kann man ihr wirklich nicht übelnehmen.

Dass sie sich, ohne jede Erfahrung im Umgang mit Kindern, ausgerechnet als Nanny verdingt, wird davon aber nicht logischer. Sie hat zwar alle Bücher von Alice Lovelace gelesen (ehrlich, muss die wirklich Lovelace heißen, wie Lord Byrons Tochter?), betrachtet sie sogar als ihre Lieblingautorin, was ihre Bereitschaft, alles stehen und liegen zu lassen und nach Maine zu fliegen, aber trotzdem wirkt alles sehr konstruiert. Warum hat Marins Mutter, die in ihrer Jugend ein Zerwürfnis mit Alice hatte, zugelassen, dass die Tochter Buch um Buch der Frau, mit der sie traumatische Erinnerungen verbinden, nach Hause schleppt? Aber nein, sie hat es nie für nötig gehalten, auch nur zu erwähnen, dass sie die Autorin einmal gekannt hat. Auch wenn sie panische Angst vor dem Ertrinken hat, lässt sie die Tochter ausgerechnet Leistungsschwimmerin werden. Und zieht, ohne jemals ein Wort über die Gründe zu verlieren, rastlos mit ihr von Stadt zu Stadt, als ob sie vor etwas – oder jemandem – auf der Flucht wäre …

So vieles an diesem Buch ist vorhersehbar. Ich weiß, ich bin gut darin, Plotwendungen zu erahnen, aber hier konnte ich sie wirklich mit einer Checkliste abhaken. Die große Eröffnung, das dunkle Familiengeheimnis, der vermeintliche Knalleffekt – all das zeichnet sich so früh schon so deutlich ab, dass mich All the Dead Lie Down wirklich an keiner Stelle mehr überraschen konnte, und in dem Zusammenhang fällt dann auch der Entertainmentfaktor hintenüber – die Küsse, die Marin dann mit Evie austauscht, machen das nicht wett und wiederholen sich zu viel: Ja, ich verstehe, dass sie die Hände nicht voneinanderlassen können, aber auch ihre Küsse sind dann so vorhersehbar, dass sie ihre Wirkung, zumindest auf mich, verlieren.

Wo das Buch nicht vorhersehbar ist, ist es unlogisch. Da ist also eine Familie, deren Töchter mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Toten zum Leben erwecken können – und statt dafür zu sorgen, dass sich so wenig wie möglich totes Material in Reichweite befindet, halten sie ihre Knochen penibel beisammen, haben ihren eigenen Friedhof, Tierfriedhof sowie ein Privat-Beihaus auf dem Grundstück, damit im Zweifelsfall auch wirklich alles aufsteht. Und noch nicht mal diese Wiederbelebungen sind konstistent: Vom sinn- und seelenlosen Zombie hin zu Leuten, die danach weiterleben, als wäre nichts passiert, ist alles drin, und so dramatisch auch die Szene ist, in der die ausgestopften Tiere an der Wand plötzlich zum Leben erwachen, so sinnlos ist, dass sie es überhaupt tun. Da könnten die Mädchen ebensogut von ihrem Ledersofa angegriffen werden.

Der Verlag vergleicht All the Dead Lie Down mit House of Salt and Sorrows und The Haunting of Bly Manor – als wäre letzteres, wenn man schon von Büchern spricht, nicht eigentlich The Turning of the Shrew von Henry James – aber tatsächlich liest es sich wie eine Stephen King-Fanfiction im Mäntelchen eines Gaslichtromans. Wir haben sehr offensichtliche Elemente aus Pet Sematary, dann spielt das Ganze auch noch in Maine, und als Marin am Ende das Manuskript in die Hände bekommt, an dem Alice das ganze Buch über gearbeitet hat, ist das Ergebnis keine Hommage an The Shining mehr, sondern schlichtweg abgekupfert. Was ich hingegen kaum in diesem Buch finde, sind eigene Ideen, nur zusammengepuzzelte Versatzstücke.

Auch die Figuren können nicht überzeugen. Es reicht nicht, immer wieder zu erwähnen, dass Marin immer das Schlimmste erwartet und Angstzustände hat, wenn sie sich dann doch wieder nur wie ein typischer normaler Teenager verhält. Gut, ab und zu hyperventiliert sie – aber es wirkt aufgesetzt, als hätte Marin unter keinen Umständen an Identifikationspotenzial verlieren dürfen. Die verfluchte Evie ist der interessantere Charakter der beiden, bleibt aber eine Nebenfigur und hinter ihren psychologischen Möglichkeiten zurück. Am  wenigsten überzeugend aber wirken die beiden kleinen Mädchen, Thea und Wren – die reden und verhalten sich, als wäre die Autorin im Leben noch keinem Kind begegnet. Und davon, dass Autorin Alice erscheint, wie sich Klein Fritzchen die Autoren vorstellt, schweigen wir mal ganz: Zumindest damit hätte sich Kyrie McCauley doch auskennen müssen, aber statt aus dem Nähkästchen zu plaudern, gibt sie uns nur billige Klischees. Aber über die Darstellung von Autor:innen in von Autor:innen geschriebenen Büchern, Filmen und Serien kann ich mich stundenlang aufregen. Schweigen wir von etwas anderem.

Wo das Buch mich dann endgültig verloren hat, ist der Schluss. Da erheben sich dann so viele Skelette und Zombies, dass es nicht dramatisch wirkt, sondern unfreiwillig komisch, dazu gibt es eine wahnsinnig mit den Augen rollende Schurkin, ach ja, und die Flut kommt auch noch zurück und droht alles zu ertränken, und das Ganze ist so überkandidelt und überhastet, dass das Buch alles, was es an Spannung aufgebaut hatte, wieder verliert. Danach kommt dann noch ein Epilog voller verschenktem Potenzial – wenn man schon eine nur alle paar Jahre blühende Titanwurz – englisch Corpse Flower – in das klimatisch völlig ungeeignete Gewächshaus packt: schreit das nicht danach, sie am Ende endlich erblühen zu lassen? Das wäre zwar in Anbetracht des als feuchtkalt beschriebenen Maines völlig an den Haaren herbeigeholt für die Tropenpflanze, würde aber zum Rest des Buches passen. Aber nein, Agatha, groß eingeführt, wird ab der Mitte des Buches nie wieder erwähnt, und dass es ihretwegen im Gewächshaus penetrant nach Moder, Tod und Verwesung riecht, hält Marin und Evie nicht davon ab, da stundenlang herumzuknutschen.

So bin ich zum Ende der Lektüre doch ziemlich enttäuscht. So ein schönes Cover – so wenig Grusel. Da habe ich die Wahl zwischen der ersten Hälfte des Buches, die ihre Chance, Suspense aufzubauen, ziemlich vergeudet und ganz ohne Phantastik daherkommt, und der zweiten Hälfte, in der es dann vom Zombieschmetterling über untote Vögel in den verschiedensten Verwesungsstadien bis hin zu sich erhebenden Gräbern von wandelnden Leichen nur so wimmelt, und auch davon ist nichts gruselig. Ich grusele mich normalerweise leicht, springe schnell auf diese kleinen Stilmittel an, mit denen man Angst im Lesenden erzeugt, indem man alles andeutet und nichts zeigt: Hier wird erst gar nichts gezeigt, dann alles, und was am Ende übrig bleibt, sind ein paar nette Küsse unterm Apfelbaum, die nicht ausreichen, um das Buch übers Mittelmaß zu erheben.

Beide offizielle Vergleichstitel, sowohl House of Salt and Sorrows al sauch The Turning of the Shrew, stehen auf meiner Leseliste, anvisiert noch für dieses Jahr, und ich kann nur hoffen, dass sie mir besser gefallen werden. All the Dead Lie Down hingegen, das Themen wie Trauerbewältigung, Schuld und Angst behandeln will und dabei doch über Gleichgültigkeit nicht hinauskommt, ist ein simpel gestricktes, schnell gelesenes und wahrscheinlich ebenso schnell wieder vergessenes Buch im bildschönen Gewand, hübsch anzuschauen, aber hinter seiner Fassade ohne große Relevanz oder Nährwert.

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