Antonia Hodgson: The Raven Scholar

Siebenmal haben die Wächter – Rabe, Fuchs, Tiger, Ochse, Bär, Affe, Hund und Drache – das Land Orrun gerettet. Wenn sie das nächste Mal zurückkehren, werden sie es zerstören. Darum werden sie immer nur mit dem vorsichtigen Zusatz »und mögen sie verborgen bleiben« angerufen. Wenn der Kaiserthron neu besetzt wird – was spätestens alle vierundzwanzig Jahre passiert – konkurrieren die Vertreter der Wächter-Orden (minus der Drachen, die den Thron nicht begehren) um den Titel. Jetzt ist es wieder so weit, Bärenkaiser Bersum dankt ab, und die Kandidaten stehen bereit – aber ein brutaler Mord erschüttert nicht nur das Festival, sondern das Land in seinen Grundfesten …

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich nach der langen Pause wieder mit dem Lesen angefangen habe, aber so ein richtig langes Buch von mehr als 500 Seiten habe ich noch nicht wieder gelesen. Mehrere dicke Wälzer habe ich angefangen, keines zu Ende gebracht – bis jetzt. Zum Jahresausklang habe ich mir von den Büchern, die sich auf meinem Bett stapeln, das dickste vorgenommen, und in etwas mehr als einer Woche habe ich es durchgearbeitet – wobei, Arbeit war es keine, sondern ein fesselndes Vergnügen. Und jetzt bin ich da, wo ich seit über 25 Jahren nicht mehr war, da, wo mich ein Buch in echter Trauer zurücklässt, weil ich unbedingt wissen muss, wie es weitergeht, aber nicht kann, weil der nächste Band noch nicht angekündigt ist.

The Raven Scholar von Antonia Hodgson ist der Auftakt zu einer Trilogie, der zweite Band noch mindestens ein halbes Jahr, eher mehr, hin, und das Ende des Buches ziemlich offen – so offen, dass ich die Geschichte zwar voll und ganz weiterempfehle, aber ein bisschen dazu raten möchte, mit dem Lesen zu warten, bis die Reihe abgeschlossen ist. Nur mit dem Lesen, nicht mit dem Kaufen – es bricht Reihen und ihren Autor:innen das Genick, wenn die Käufer warten, bis die Reihe vollständig vorliegt, und kann dazu führen, dass Mehrteiler nie zu einem Ende gebracht werden. Das habe ich als Autorin am eigenen Leib erfahren müssen, und seitdem halte ich mich sehr zurück mit Aussagen wie »Das kaufe ich mir en bloc, wenn die Reihe fertig ist.«

Wobei, nach Anzahl der Rezensionen auf Goodreads, keine Sorge bestehen sollte, dass The Eternal Path aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit vorzeitig eingedampft werden könnte. Das Buch hat dort viel Liebe bekommen, und das zurecht. Auch ich habe The Raven Scholar dort die volle Punktzahl gegeben, was ich selten tue und nur dann, wenn ein Buch mich wirklich restlos begeistert. Kleine Einschränkungen gibt es natürlich, eine dramaturgische Entscheidung der Autorin hat ihr die Chance, das Publikum im entscheidenden Moment so richtig zu überraschen, ruiniert, und ich hatte schon überlegt, dafür einen Stern abzuziehen – aber was am Ende bleibt, ist diese schmerzende Begeisterung, dass ich doch nicht anders kann, als dem Buch volle fünf Sterne zu geben.

Bevor sie sich an epische Fantasy gewagt hat, war Antonia Hodgson Autorin historischer Krimis, und diese Erfahrung merkt man The Raven Scholar auch über weite Strecken an. Bis ungefähr zur Mitte des Buches handelt es sich nämlich um einen lupenreinen Fantasy-Krimi. Sieben Kandidat:innen konkurrieren um den Titel des Kaisers, eine:r von ihnen wird ermordet – und um die Frage, wer es war, dreht sich die erste Hälfte des Romans. Ich gebe zu, ich war ein bisschen enttäuscht, dass das Rätselraten um den Mordfall nicht bis zum Ende des Buches reicht, denn nach der Erkenntnis, wer es war, hat Hodgson einen zu großen Teil ihres Pulvers verschossen und greift zu fragwürdigen perspektivischen Entscheidungen, auf die ich nachher noch zu sprechen komme. Das Buch bleibt toll, phantastische Elemente treten an die Stelle des Krimiplots, aber letztlich sind es zwei Bücher in einem mit einer Zäsur in der Mitte.

Nur der Plotbogen »Wer wir Orruns neue:r Kaiser:in« hält das ganze zusammen und lässt es sinnvoll, ein echt dickes anstelle zweier normallanger Bücher draus zu machen. Und der liefert mir eine vielseitige Castingshow, wie ich sie nicht nur im Fernsehen liebe. Dabei sind die Aufgaben vielfältig und nicht immer das, was man im Vorfeld erwartet – überhaupt hat The Raven Scholar viele gute Ideen, die man so noch nicht kennt, ohne dass das Buch sich zu neuartig oder befremdlich anfühlen würde – es mixt Bewährtes mit dem Überraschenden, und das macht es wirklich gut. Aber was die Geschichte wirklich lebendig macht und durch gut 650 Seiten trägt, sind ihre Figuren.

Titelfigur und Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Neema Kraa, eine Gelehrte aus dem Rabenorden. Sie ist sozial unbeholfen, unbeliebt selbst bei ihren Kolleg:innen und als Emporkömmling verschrien, seit sie am Kaiserhof Karriere gemacht hat. Ich habe mich in ihr oft wiedererkannt, vor allem in ihrem zwanghaften Klugscheißertum – Neema kann nicht an sich halten, wenn jemand etwas faktisch Falsches sagt, und überhaupt fällt es ihr schwer, ein Geheimnis zu wahren, weil der Drang, Informationen zu teilen, zu groß ist. Genau das richtige für mich, die ich in weniger als einer Woche in meinen Brotberuf als Bibliothekarin zurückkehre! Dabei ist Neema nicht nur verkopfter Buchmensch, nicht nur sterile Karrierefrau – sie leidet unter ihren fehlenden Freundschaften und vermisst ihre On/Off-Partner Cain Ballari, der sie, nachdem sie zu Beginn des Buches eine große Schuld auf sich geladen hat, endgültig verlassen hat.

Cain hat sich schnell zu meiner eigentlichen Lieblingsfigur entwickelt. Er ist ein Fuchsagent, frech, vorlaut und ewig hungrig, aber er hat mehr Tiefgang, als man erst bei ihm erwartet, dunkle Seiten, und einen Zorn, der ihn menschlich macht. Über weite Teile des Buches agiert er als Neemas Gegner, und das ist mir persönlich nahegegangen, weil ich den »Lovers to Enemies«-Trope wirklich nicht gern mag. Überhaupt hatte das Buch viele Szenen, in die ich so tief eingetaucht war, dass ich sie nur schwer ertragen konnte – Demütigungen, die Neema gerade zu Beginn des Buches ertragen muss, Tyrannei und Gemeinheiten von Seiten der Schurken gegen Ende. Da hätte ich manches lieber etwas subtiler gehabt, die Schurken etwas weniger plakativ – aber wenn man sich ansieht, was hier gerade in der Welt zugeht, ist das alles vielleicht nicht einmal übertrieben.

Abgerundet wird das Charakterumfeld von einer Reihe kleinerer Figuren, die sehr interessant und rund sind, ihre eigene Agenda mitbringen und oft nicht so nett sind, wie sie zuerst scheinen – oder so unsympathisch. Hodgson spielt mit Erwartungen, lässt ihre Leserschaft miträtseln, und wie sich das in einem ordentlichen Krimi gehört, habe ich auch fleißig Theorien gesponnen und mich gefreut, als die Figur, die ich von Anfang an im Verdacht hatte, dann auch wirklich Drahtzieher:in hinter dem ganzen Mordkomplott war. Dabei habe ich nicht alles richtig vorhergesehen, es war genau die richtige Menge aus Rätselfreude und Überraschung und dabei niemals unfair gegenüber ratefreudigen Krimifans.

Hodgson spielt mit der Perspektive, wie ich das lange nicht mehr so gelungen erlebt habe. Normalerweise bin ich kein Freund von Headhopping, Perspektivenwechsel mitten während der Szene – ich habe schon eine Reihe Bücher weggelegt, weil die Autor:innen die Perspektive nicht halten konnten, oder lange gebraucht, um mich dann (wieder) reinzulesen, wie bei Geraldine Harris‘ Seven Citadels-Reihe, die ich im neuen Jahr endlich zu Ende lesen will. Aber Antonia Hodgson wendet einen Kniff hat, gibt der Erzählstimme eine grandiose Persönlichkeit und hat damit jemanden, um das Geschehen zu beobachten und zu kommentieren, auch wenn Neema gerade nicht dabei ist – eine Wesenheit, der man auch zutrauen kann, anderen in die Köpfe zu schauen, sodass ich hier verzeihe, was mir anderswo nicht gefallen hat.

Bis auf eine Szene. Da übernimmt das Buch völlig unnötig die Perspektive der/des Gegenspielers/in, verrät Geheimnisse, die man an der Stelle überhaupt noch nicht wissen will, weil in dem Moment nicht relevant, und ich habe mich über diese Unterbrechung der Abläufe wirklich massiv geärgert. Als dann am Ende die große Enthüllung kommt und alle Hauptfiguren kalt erwischt, bleibt bei den Lesenden der Überraschungsmoment weg, ist das anstelle eines Schocks ein alter Hut, und ich kann nicht verstehen, wie eine erfahrene Autorin wie Hodgson so einen Patzer landen und das dann auch nicht im Lektorat rausfliegen konnte. Wenn Neema Kraa verfrüht mit einem Geheimnis rausplatzt, ist das charmant – bei ihrer Autorin hingegen ruiniert es langfristig die Spannung.

Das Erstaunliche ist, dass das Buch darunter gar nicht so langfristig leidet, wie ich befürchtet habe. Ja, der große Knalleffekt wird zum Blindgänger, und das ist echt ein Jammer. Zum Glück hat das Buch zu dem Zeitpunkt so viel Schwung aufgenommen, dass es sich davon nicht ausbremsen lässt; zu viele Fragen sind zum Glück noch offen, und ich bin drangeblieben und habe das nicht bereut. Der feine Humor, der sich durch das ganze Buch zieht, macht die Lektüre zu einem Vergnügen, ohne dass es flapsig wird (wenn der Fuchs nicht gerade wieder die Wände ableckt, was er aber nicht ohne Grund tut).

Dabei kommt auch das mir so wichtige Thema Diversität nicht zu kurz. Da Orrun groß ist, haben die Leute ganz selbstverständlich unterschiedliche Hautfarben, Protagonistin Neema und verschiedene andere Figuren sind Schwarz, auch für queere Repräsentation ist gesorgt, und weder das eine noch das andere erscheint aufgesetzt oder erzwungen, sondern fügt sich einfach nahtlos in den Weltenbau ein. Der ist seinerseits sehr gelungen, auch wenn das Buch nahezu komplett auf der kaiserlichen Insel spielt, ist das ganze Land immer präsent – und erwähnte ich die Landkarte? Ich freue mich ja immer, wenn ich eine Karte bekomme, und hier habe ich sogar ihrer zweite, eine von ganz Orrun und eine von der kaiserlichen Insel!

Wirklich, The Raven Scholar war eines meiner Jahreshighlights und ein guter Titel, um das Jahr damit zu beenden. Wie es sich für den Auftakt einer Trilogie gehört, endet das Buch dramatisch – nicht überhastet, das Tempo stimmt bis zum Schluss, aber die Tragödie ist nicht aufzuhalten, und ich habe die Befürchtung, dass – wiederum den Gesetzen der Trilogie gehorchend – im zweiten Band alles noch viel, viel schrecklicher wird, bevor dann im dritten Band die Auflösung kommt. Trotzdem warte ich jetzt schon händeringend auf The Fox in Winter, und ja, ich werde das Buch sofort verschlingen und dann bitter bereuen, dass der dritte Band noch nicht angekündigt ist. So geht mir das, wenn ich echt verliebt in eine Fantasyreihe.

The Raven Scholar hat mir wieder vor Augen geführt, wie sehr ich High Fantasy liebe, und mir Lust gemacht, nach so vielen Kinderbüchern wieder richtige ernste Fantasy für Erwachsene zu schreiben. Das Buch hat alles, was das Herz begehrt – höfische Intrigen; Schuld, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und die Verantwortlichen für immer zeichnet; Vergeltung; Machtgeilheit – und dazu genau die richtige Dosis Romantik, dass es nie die Überhand gewinnt, man aber mitfiebert, ob sie sich kriegen oder nicht.

Sagte ich, wartet mit der Lektüre, bis auch der dritte Band erschienen ist? Quatsch. Lest das Buch sofort. Ja, dann geht es euch wie mir, dann habt ihr Buchschlussschmerzen und müsst leiden, bis es weitergeht. Aber The Raven Scholar ist es wert. Ein großartiges Buch. Wie der Rabe sagen würde: »Magnificent«.

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